Studie: Klimaschutz wird Strombedarf vervielfachen


Welt Redaktion

Greenpeace zeigt in einer Untersuchung, was das Weltklima-Abkommen von Paris für die Menschen heißt. Wird es umgesetzt, wird Deutschland schon in ein paar Jahren nicht mehr wiederzuerkennen sein. Als sich im Dezember letzten Jahres die Vertreter von 195 Staaten in Paris auf ein neues Weltklima-Abkommen einigten, war der Beifall groß.

Einige Umweltpolitiker hatten Tränen in den Augen, als die Weltgemeinschaft entschied, den weltweiten Temperaturanstieg auf 1,5 Grad Celsius zu beschränken. Nur: Was zur Umsetzung dieses Ziels vonnöten sein würde, war einigen wohl selbst im April in diesem Jahr noch nicht klar, als die ersten 170 Staatsvertreter, unter ihnen Bundesministerin für Umwelt Barbara Hendricks (SPD), den Klimavertrag im Stammsitz der UN in New York unterschrieben.

Das Dokument sieht wenigstens die „Dekarbonisierung“ weltweit vor – also das Ende aller Emissionen des Treibhausgases CO₂. Das kommt gleich mit dem Ende aller Verbrennungsprozesse in Antrieben, Heizungskesseln und Kraftwerken – denn dort entsteht das Kohlenstoffdioxid. Was es aber exakt heißt, falls man alle kohlenstoffhaltigen Brenn- und Kraftstoffe abwimmeln und durch Ökostrom austauschen möchte, zeigt nun eine Untersuchung, die Greenpeace Energy in Berlin vorstellte. Es geht es um die erste größere Betrachtung auf dem Gebiet „Sektorkopplung“ – also die Expansion der Energiewende auf die Bereiche Verkehr und Heizwärme.

Nach den Kalkulationen des Studienautors Volker Quaschning von der Hochschule für Technik und Wirtschaft Berlin (HTW) müssen dafür etwa schon „gegen 2025 die Fertigung von Fahrzeugen mit Benzin- und Dieselmotoren eingestellt und für den Güterverkehr entscheidende Fernstraßen mit Oberleitungen versehen werden“. Oberleitungen wie bei der Bahn sind der Untersuchung folgend auch über den deutschen Autobahnen erforderlich, da natürlich auch der komplette Bus- und Güterverkehr schnellstmöglich elektrifiziert werden muss. Konzepte und Kostenschätzungen gibt es dazu gewiss noch nicht. Was der politisch verordnete Tod des Verbrennungsmotors innerhalb der bevorstehenden zehn Jahre für die deutsche Fahrzeugindustrie, ihre Wettbewerbsposition, ihre Jobs und ihre Standortpolitik heißen würde, über diesen Sachverhalt lässt sich die Untersuchung nicht weiter aus.

Denn es gibt noch weitere gewichtige Baustellen, etwa im Immobilienbereich: „Da bei Heizungssystemen von Produktzyklen von bis zu 20 Jahren ausgegangen werden muss, ist ein Verbot des Einbaus neuer Rohöl- und Gasheizungen sowie KWK-Anlagen ab dem Jahr 2020 notwendig, um eine vollständige Dekarbonisierung im Jahr 2040 zu erlangen“, heißt es in der Untersuchung wortgetreu. Das dürfte Bauherren einen Schlag versetzen: Der hocheffiziente und günstige Gas-Brennwertkessel galt bisher als die Wunschheizung Nummer eins unter Immobilienbesitzern.

Doch da er der Dekarbonisierung im Weg steht, müsste er schon in 4 Jahren ins Technikmuseum. Viessmann, Vaillant und Co, die europaweit führenden Heizungshersteller aus Deutschland, müssten also gewissermaßen sofort ihre Fertigung umstellen, da sie in Kürze im Inland nur noch mit Grünstrom betriebene Wärmepumpen veräußern müssten. Dasselbe Technikverbot droht auch der kombinierten Strom-Wärme-Fertigung in allgemein so bezeichneten Kraft-Wärme-Kopplungsanlagen. Diese KWK-Technik galt bisher als unerreicht in Sachen Energieeffizienz und wurde deshalb von der Bundesregierung finanziell hoch unterstützt.

Einige kommunale Stadtwerke setzen auf Heizkraftwerke mit KWK-Technik. Doch da diese Anlagen meist mit Erdgas laufen, sind sie laut Greenpeace-Untersuchung „für die Dekarbonisierung bei der Energiewende nicht geeignet“ und dürfen „ab dem Jahr 2020 nicht mehr gebaut werden“. Wenn alle Autos und alle Heizungen in Deutschland nur noch mit Ökostrom betrieben werden, sind natürlich viel mehr grüne Kilowattstunden erforderlich.

Laut Untersuchung der HTW könnte sich der deutsche Stromverbrauch in etwa verfünffachen, von heute rund 600 Terawattstunden auf 3120 Terawattstunden im Jahre 2040. Eine Anzahl, die selbst von überzeugten Energiewende-Protagonisten ein gewisse Fähigkeit zum Umdenken erfordert. Denn in den Jahren vor dem Atomunglück in Fukushima und noch bis in die jüngste Zeit hinein gingen ausnahmslos alle Prognosen, Studien und Erwartungen zur deutschen Energiewende davon aus, dass der deutsche Stromverbrauch fallen wird.

An die offiziellen Prognosen hatte wohl auch die deutsche Öffentlichkeit gern geglaubt, da sich daran die Hoffnung knüpfen ließ, dass es mit dem Bau immer neuer Windkraftanlagen ein Ende haben werde. So wurde etwa in dem heute noch maßgeblichen „Energiekonzept der Bundesregierung“ von 2010 das Bestreben ausgerufen, den deutschen Stromverbrauch bis 2020 um zehn % zu senken. Begründet wurde das zu jener Zeit schon mit den Erfordernissen des Klimaschutzes. Jetzt zeichnet sich ab, dass die Klimapolitik den Strombedarf nicht nur nicht fallen, sondern um das Fünffache ansteigen lässt.

„Einen Bedarf von 3000 Terawattstunden durch erneuerbare Energien bis zum Jahr 2040 zu decken kann als aussichtsloses Unterfangen angesehen werden“, gibt auch die von Greenpeace präsentierte Untersuchung zu. Kein Wunder: Heute liefern die Ökostrom-Produzenten erst 200 Terawattstunden im Jahr ab. Deshalb rechnet die HTW-Untersuchung allerhand mögliche „Effizienz-Steigerungen“ in das Zahlenwerk mit ein – etwa das Verbot des Verbrennungsmotors und bisher ungenutzte Stromsparpotenziale in der Industrie.

Danach würde sich der deutsche Strombedarf bis 2040 nur noch verdoppeln, und zwar auf rund 1320 Terawattstunden. Aber auch diese reduzierte Zielgröße heißt für die Energiewende immer noch eine Versechsfachung der heutigen Ökostromproduktion. So geht die Untersuchung davon aus, dass sich allein die Erzeugungskapazität der Windkraftanlagen an Staatsgebiet von heute rund 40 Gigawatt auf 200 Gigawatt verfünffachen muss. Zieht man ab, dass Windräder immer höher und leistungsstärker werden, heißt dies wohl nicht die Verfünffachung der heutigen Anzahl an Windkraftanlagen in Deutschland. Vielleicht kommt das Vierfache oder Dreifache hin.