Sorgen Banken für Hungerproteste im Nahen Osten und Nordafrika?

Von den fast 7 Mrd. Menschen auf unserem Planeten hungern eine Mrd. Die Anzahl der Hungerrevolten wird wachsen. Die Muster sind eindeutig feststellbar. Politische Aufstände in Tunesien und Ägypten, Ausschreitungen in Bahrain, Jordanien, Libyen und im Jemen, neue Demonstrationen im Irak, Protestaktionen in Marokko, Anspannung in Syrien und am Golf.


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Die komplette arabische Welt ist aufgebracht. Die neueste Entwicklung hält die westliche Welt solchermaßen in Atem, dass die Beweggründe der Massendemonstrationen der autoritär geführten Völker fast nicht mehr auszumachen sind. Es waren erneut die extrem gestiegenen Preise von Nahrungsmitteln, die die Menschen letztenendes auf die Straßen trieben und denjenigen nordafrikanischen Flächenbrand verursachten, in dem sich zu diesem Zeitpunkt hauptsächlich politischer Groll entlädt. Es handelt sich in der Tat um eine Art Zeitenwende – mit enormem politischem Explosivstoff, sagt Bettina Rudloff von der Berliner Stiftung für Wissenschaft und Politik.

Und diese Zeitenwende geht vom globalen Lebensmittelmarkt aus. Dort steigt das Angebot seit einiger Zeit schon merklich langsamer als die Nachfrage, was die Rahmenbedingungen dieses Marktes buchstäblich völlig durcheinanderbringt. Aus diesem Grund weiß Rudloff: Die Preise für Agrarerzeugnisse werden zukünftig weiter steigen. Hierzu werde es im Rahmen dieses weltweiten Trends wiederholt zu massiven Preisschwankungen nach oben kommen. Also zu Stadien, in welchen sich die Preise duplizieren oder verdreifachen können.

Und exakt diese Stadien werden wohl auch von nun an von Ausschreitungen begleitet werden. Ein Flächenbrand über einige Staaten hinweg entsteht in den meisten Fällen zum Zeitpunkt, wenn sich die Preise um 100 % erhöhen, hat der Agrarökonom Joachim von Braun, Direktor des Zentrums für Entwicklungsforschung an der Universität Bonn, ausgemacht. Derartige Ausschläge werden zukünftig öfter zutreffen. So war es auch 2007/2008. Es gab Hungerrevolten in fast 40 Staaten.

Sie begannen in Mexiko, da die Tortillas im Preis stiegen. Der Funke sprang dann über in die Maghreb-Staaten und nach Afrika. Ihre explosive und hauptsächlich politisch so aus dem Gleichgewicht bringende Kraft entwickeln diese Teuerungen freilich nicht nur in denjenigen Staaten, in welchen die Versorgungslage generell schon mangelhaft ist. Ausschlaggebend ist nach Beobachtung der Forscher vielmehr das Ausmaß der scheinbaren, demnach verhältnismäßigen Abwärtsentwicklung. Rudloff verweist ein weiteres mal auf die Jahre 2007 und 2008.

In der Mehrzahl der Fälle sei es in Staaten zur Revolte gekommen, die zu jener Zeit gerade nicht als äußerst versorgungsbedroht galten: in Argentinien, Ägypten, Peru, Senegal, Burkina Faso, Moçambique, Jemen, Indien, Indonesien, Pakistan, Kamerun, Trinidad und Tobago. Dabei ist der Prozess von den Versorgungskrisen hin zu politischen Krisen noch relativ wenig untersucht. Der Kontext, so viel ist sicher, ist zumindest nicht linear.

Nicht jede Notlage führt zur politischen Revolution. Da muss dann bereits mehr zusammenkommen. Aber es gebe Muster, sagt der Agrarökonom von Braun, Muster für den Kollaps politischer Systeme in Versorgungskrisen. Die traditionellen Bestimmungsfaktoren, die dafür sorgen, dass aus der Notlage eine politische Krise wird, sind breitgefächert: Hierzu gehören neben dem Versorgungszustand des Staates das Wachstum der Bevölkerungszahl und die demografische Organisation sowie die Qualität der Staatsführungen.

In Staaten wie Ägypten oder Tunesien war diese erwiesenermaßen schlecht. In Libyen ist sie es ebenfalls. Exakt in diesem Fällen entfalten Versorgungskrisen früher oder später ihre Sprengkraft. Vornehmlich in Staaten mit schlechter Regierungsführung waren die Demonstrationen bisher gewalttätig, sagt der Agrar-Spezialist. Also dort, wo sich die alte und reglose politische Elite von einer jungen, energievollen Gesellschaft hinreichend entfernt hat, wo Bestechlichkeit und Nepotismus herrschen und den jungen Menschen die Zukunftsaussicht fehlt. Neu ist das Mysterium nicht.

Der Kontext hat nur lange keinen gekümmert. Bereits in den 1990ern haben die Forscher John Walten und David Seddon für die 70er und 80er Jahre bestätigt, dass zwar eine grundsätzliche Relation zwischen Hungerdemonstrationen und Teuerungen für Nahrungsgüter besteht, dass freilich der Zugang zu Nahrungsmitteln immer nur einer der Ursachen für den Ausbruch echter Massenunruhen gewesen ist. „Food Riots“ haben eine jahrhundertelange Tradition und entfalteten wiederholt langfristige Auswirkungen.

Zum Beispiel im bekannten Mehlkrieg im Frankreich Ludwigs XVI. Seinerzeit, 1775, ließ die Deregulierung des Getreidemarktes die Preise solchermaßen hochschnellen, dass die Menschen rebellierten. Der Mehlkrieg wird oft als Vorläufer der Französischen Revolution betrachtet, da hohe Brotpreise den Groll in der Allgemeinheit weiter verstärkten und auch bei der Revolution selbst relevant waren. Aber zurück in die Gegenwart.

Wann exakt in den einzelnen Staaten der Punkt erreicht ist, der die Explosion der Preise zu politischen Ausschreitungen werden lässt, weiß keiner. Ebenfalls ein Anzeichen ist die Abhängigkeit der Staaten von globalen Lebensmittelmärkten. Einige von ihnen sind auf Importe beauftragt, so wie Ägypten, das zu den größten Getreideimporteuren weltweit zählt. Hier spüren die Einwohner sofort, wenn sich Mais oder Weizen kräftig verteuern. Derartige Staaten existieren noch zahlreich.

Die UN-Welternährungsorganisation FAO hat nicht weniger als 77 Staaten auf ihrer Liste, die sie als Low-Income-Food-Deficit-Countries betitelt. Ihre Import-Rechnungen werden wegen der erhöhten Preise dieses Jahr mit 30 Mrd. Dollar um 11 Prozent höher ausfallen als 2010. Aber sind sie alle Anwärter für politische Aufstände? Die UN-Organisation zeigt sich beunruhigt, möchte sich aber definitiv nicht an solche Überlegungen beteiligen.

Derartige Spekulationen seien bedrohlich und unseriös, sagt FAO-Sprecher Erwin Northoff. Aus welchem Grund im Grunde genommen? Hätte der Westen über solche Muster gründlicher nachgedacht, wäre er von der Entwicklung in Nordafrika nicht unbedingt überrascht gewesen. Neben mangelhafter Führungsqualität und der Lebensmittelabhängigkeit finden sich noch weitere bezeichnende Strukturen, die politische Krisen nach Nahrungsmittelknappheit vermutlich machen.

Hierzu zählt eine oft total verpasste Landwirtschaftspolitik. Hierzu gehört zweierlei. Auf der einen Seite das negativ wirkende Verhalten im Fall einer Krise, wenn schwächelnde Administrationen zur Beruhigung der Allgemeinheit Nahrungsgüter bezuschussen, übereilt im großen Rahmen Getreide auf dem Weltmarkt erwerben oder die Einkommen der Beamten heraufsetzen. Gewichtiger ist jedoch, dass die Agrikultur in den von Einfuhren abhängigen Staaten über Jahre kräftig links liegen gelassen wurde.

Sie liegt solchermaßen darnieder, dass die Bauern noch nicht einmal die gestiegenen Preise auf den internationalen Märkten zur Anhebung ihrer Einkommen nützen können, da ihre Ertragfähigkeit über Dekaden gelitten hat. Es mangelt nicht zum Schluss an Pflanzgut und Wasser. Dabei liege gerade hier, in der Ertragfähigkeit der Kleinbauern, der wesentliche Faktor zur Stimulation des Wachstums, welche die Armut abbaut, sagt Agrarökonom von Braun. Über Dekaden haben zahlreiche Staaten nicht in die Agrikultur investiert.

Seit den 60er und 70er Jahren seien sowohl private als auch amtliche Investments in diesen Sektor katastrophal gefallen und verfehlte Politiken in labilen Staaten betrieben worden, sagt Forscherin Rudloff. Auch dies habe zahlreiche Staaten zu Importeuren gemacht und in die Abhängigkeit des internationalen Marktes oder von Nahrungsmittelhilfen getrieben. Die Zukunft wird hektischer, da Lebensmittekrisen immer mehr zu einem Risiko der politischen Stabilität werden.

Das könnte kurzfristig ebenso für Wasser gelten, wenn die steigende Wasserknappheit ihre politische Bedeutung sehr viel stärker ausprägen wird als zuvor. Von den bald 7 Mrd. Menschen auf unserem Planeten hungern eine Mrd. Rund zwei Mrd. haben einen Vitamin- und Nährstoffmangel, der ihre Verfassung und physische Leistungsfähigkeit angreife, sagt von Braun.

Und 50 Prozent von ihnen seien Kleinbauern, demnach exakt jene, die die politisch aus dem Gleichgewicht bringenden Lebensmittelkrisen im Grunde genommen unterbinden könnten.

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