Institut: Asylwelle könnte langfristige Vorteile bringen


Deutschland Redaktion

Die erfolgreiche Eingliederung von Asylsuchenden auf dem europäischen Kontinent ist nicht nur eine gesellschaftliche, sondern auch eine wirtschaftliche Grundvoraussetzung. Glückt die Eingliederung der derzeit ca. 1,3 Mio. Asylbewerber, die aller Voraussicht nach als Asylbewerber in ganz Europa anerkannt werden, könnten sie ab 2025 einen weiteren Beitrag von 60 bis 70 Mrd. Euro jährlich zum BIP (Bruttoinlandsprodukt) leisten. Zur gleichen Zeit kann erfolgreiche Eingliederung auf Grund der Alterszusammensetzung der Asylbewerber – 80% sind jünger als 35 Jahre – und der höheren Geburtenquote die Bevölkerungsentwicklung betreffend gute Effekte haben.

Bleiben im Gegenzug einsetzbare Einbürgerungsinitiativen aus oder scheitern, würde sich das eindeutig nachteilig auswirken – ökonomisch wie gesellschaftlich. Dies sind Grundresultate einer neuen Untersuchung des McKinsey Global Institute (MGI) mit dem Titel „Europe’s new refugees: A road map for better integration outcomes“, die am Donnerstag in Berlin publiziert wurde. „Die Eingliederung von Asylsuchenden ist für Europa eine wirtschaftliche Grundvoraussetzung“, sagt Solveigh Hieronimus, McKinsey-Partnerin und Koautorin der Untersuchung.

Einige Anstrengungen der Eingliederung seien gerade auf dem europäischen Kontinent in den letzten Jahrzehnten nicht so erfolgreich wie erforderlich gewesen. Die Folge: Die Erwerbslosenrate von Menschen aus dem Ausland in der Europäischen Union war Eurostat folgend 2015 zweimal so hoch wie unter EU-Einwohnern. Nur jeder zweite Asylbewerber hat nach fünf bis 6 Jahren einen Job entdeckt. Im Großen und Ganzen verdienen Menschen aus dem Ausland im Mittel 20 bis 30% weniger als ihre einheimischen Kollegen.

Solveigh Hieronimus: „Auf EU- und nationaler Ebene erfolgen schon Investments in Milliardenhöhe. Diese Mittel müssen dort investiert werden, wo sie zu den besten Ergebnissen führen.“ Allein Deutschland beabsichtigt für 2017 mit einem Etat von über zwölf Mrd. Euro für die Aufzeichnung und Eingliederung von Asylsuchenden und Heimatvertriebenen. Die wichtigsten Herausforderungen, so die MGI-Analysen, bleiben – die Eingliederung der Menschen in den Arbeitsmarkt, – der Zugang zu Bildung, – die Schaffung von integrationsförderndem Wohnraum, – eine effiziente Gesundheitsversorgung sowie – Investments in den Spracherwerb der Asylbewerber. Auf der Verwaltungsseite seien außerordentlich die Initiativen effektiv, die darauf abzielen, fachliche und überfachliche Qualifikationen der Asylbewerber effizient zu erfassen wie auch die Verteilung der Heimatvertriebenen innerhalb eines Landes nach guten Integrationsvoraussetzungen zu optimieren.

Die wichtigsten in der Praxis erprobten Hebel zur erfolgreichen Eingliederung hat das MGI in dem Bericht ausführlich vorgeführt. „Desweiteren sollte die Europäische Union eine aktivere Rolle einnehmen, um die aktuell entstandenen Verstimmungen zwischen den Staaten zu beseitigen“, so Hieronimus weiter. Freizügigkeit innerhalb Europas einerseits, allerdings ungleiche Möglichkeiten für Asylschutz andererseits führen zu menschlich extrem nachvollziehbaren, allerdings politisch wie administrativ herausfordernden Zuständen – so haben nur 6 der 28 EU-Mitgliedstaaten im vergangenen Jahr rund 80% der Heimatvertriebenen aufgenommen.

Die Asylprozesse sollten deshalb dem MGI folgend in ganz Europa ähnlichere Standards haben und die erfolgreiche Gestaltung von Eingliederung sollte überall genauso in den Blick rücken. Die Untersuchung zeigt auch: Die Flut der zusammengerechnet rund 2,3 Mio. Heimatvertriebenen, die seit 2015 nach Europa gekommen sind, ist einzigartig in der Vergangenheit Europas seit dem Zweiten Weltkrieg: 70% der Ankömmlinge sind männlich, 70% im arbeitstauglichen Alter und über 50% aus dem Mittleren Osten. Sie differenzieren sich dadurch wesentlich vom Löwenanteil der Asylbewerber global, zu denen weitaus mehr Frauen und Kinder zählen. Bei ehemaligen großen Fluchtbewegungen nach Europa legten die Menschen außerdem nur merklich kürzere Strecken zurück, beispielsweise von den Balkanstaaten.

„Heute bewegen sich die Schutzsuchenden häufig weit und in zwei Etappen – anfangs in ein Nachbarland in unmittelbare Sicherheit und später mit bewusster Wahl eines Ziellandes weiter nach Europa auf der Suche nach einem besseren Leben und häufig mit der Absicht, auf lange Sicht auf dem europäischen Kontinent zu bleiben“, bewertet Solveigh Hieronimus die derzeitigen Vorgänge. Es zeichne sich zusätzlich ab, dass Einwanderung und Flucht anhaltende Phänomene auf dem europäischen Kontinent bleiben: Auf der einen Seite ließen die geopolitische Instabilität und der ungleiche Reichtum mehr Menschen ihre Heimat verlassen.

Auf der anderen Seite erleichtere die Digitalisierung die Klarheit über bessere Lebensbedingungen auf dem europäischen Kontinent sowie das Organisieren der Reiserouten. Die europäischen Staaten müssten sich darauf vorbereiten, dass sich ähnliche Muster von nun an wiederholen. Das MGI hat neben Einwanderung und Flüchtlingsbewegungen auf dem europäischen Kontinent auch die globalen Migrationsbewegungen untersucht. Die internationalen Resultate wurden in einem parallelen momentanen Bericht publiziert („People on the move: Einwanderung’s impact on individuals and economies“). Weltweit gab es demzufolge 2015 rund 247 Mio. Menschen, die ihre Heimatländer verlassen hatten – 90% von ihnen aus persönlichen oder wirtschaftlichen Gründen, in den meisten Fällen auf der Suche nach Arbeit, demnach nicht auf der Flucht vor Krieg oder Verfolgung wie die restlichen 10%.

Der Beitrag der 247 Mio. Menschen aus dem Ausland zum weltweiten Bruttosozialprodukt beziffert sich dem MGI folgend schon heute auf etwa 6,7 Bio. Dollar, ein Anteil von fast 10% am kompletten internationalen Bruttoinlandsprodukt. Dieser Beitrag könnte sich jährlich um eine zusätzliche Billion Dollar erhöhen, wenn Administrationen Einbürgerungsinitiativen für die Gesamtheit der Menschen aus dem Ausland beschleunigen würden.