Deutsche Bank: Pleitegefahr bei 17 Prozent

Als John Cryan am 1. Juli 2015 seinen neuen Job als Vorsitzender der Deutschen Bank antrat, hatte er eine gewichtige Botschaft vorbereitet: „Ich werde Ihnen nicht sagen, dass in den kommenden Monaten alles harmonisch und ohne Probleme ablaufen wird“, schrieb Cryan in einer internen Mail an die zu jener Zeit gut 100.000 Arbeitnehmer des Instituts weltweit. Aber er werde „beharrlich und anhaltend daran arbeiten, dass die Deutsche Bank wieder dahin zurückkommt, wo sie hingehört“. Exakt ein Jahr danach dürfte Cryan mit dem Stand der Dinge der Institution alles andere als glücklich sein.


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Im Vergleich zu einigen bedeutenden Indikatoren steht das Institut heute sogar noch miserabler da als vor seinem Beginn der Amtszeit. Das zeigt sich schon allein am Aktienkurs. Als Cryan antrat, notierte die Deutsche-Bank-Aktie noch bei nahezu 30 Euro. Inzwischen ist nicht einmal mehr unvorstellbar, dass das Papier unter zehn Euro fällt. Zwar ist die komplette Branche in den letzten zwölf Monaten an der Wertpapierbörse bestraft worden.

Es gibt aber in der weltweiten Liga mit Ausnahme der Schweizer Crédit Suisse kein anderes Institut, das solchermaßen kräftig an Wert eingebüßt hat. Mittlerweile beziffert der Börsenwert nur noch 17 Mrd. Euro. Die Deutsche Bank befindet sich somit auf Platz 101 im Bloomberg Bankenindex. Ein knallender Niedergang, falls man bedenkt, dass der deutsche Marktführer damit sogar hinter Organisationen wie der beinahe nicht bekannten dänischen Danske Bank oder der schwedischen Nordea Bank liegt. Selbst die noch immer von westlichen Zwangsmaßnahmen betroffene russische Sberbank wird an der Wertpapierbörse inzwischen mehr als zweimal so hoch bewertet.

Dem von Cryan formulierten internationalen Anspruch wird das nicht im Entferntesten gerecht. Spitze ist die Deutsche Bank momentan nur in einer Betrachtung: Im derzeitigen Finanzstabilitätsbericht des IWF (Weltwährungsfonds) zählt Cryans Institut zu den Kreditgebern, von denen laut Auffassung der Stabilitätswächter die größten Risiken für die weltweite Finanzstabilität ausgehen. Die Kreditanstalt sei nach allem Anschein das Institut, von dem das größte Systemrisiko ausgehe, schreibt der Weltwährungsfonds.

„Die relative Wichtigkeit der Deutschen Bank betont, wie wichtig es ist, die systemrelevanten Finanzinstitutionen und deren internationale Geschäftsbeziehungen stark zu überwachen“, heißt es in dem Bericht. Wichtig sei es außerdem, Mechanismen auszuarbeiten, die es möglich machten, im Pleitefall auch große Institute aufzulösen. Wie systemrelevant die Deutsche Bank ist, zeigt ein Blick in die Abrechnung. Wenngleich das Institut das Geschäftsvolumen und damit die grundsätzlichen Gefahren in den letzten Jahren merklich reduzierte, hat die Kreditanstalt immer noch Assets von gut 1,7 Bio. Euro in ihren Büchern. Das gleicht mehr als 55 % der deutschen Wirtschaftskraft.

Im Klartext: Selbst für Deutschland als größter Volkswirtschaft der Währungsunion wäre es gravierend, ein Institut dieser Dimension retten zu müssen. Die Pleitewahrscheinlichkeit der Deutschen Bank wird mittlerweile auf 17 % taxiert. Zum Vergleich: als Cryan vor zwölf Monaten sein neues Amt antrat, lag die Ausfallwahrscheinlichkeit des Instituts noch unter zehn %. Vielmehr holen immer neue Hiobsbotschaften das Institut ein. So ist eine US-Tochter der Institution beim derzeitigen Stresstest der US-Notenbank Fed ein weiteres Mal durchgefallen, zum inzwischen zweiten Mal. Nur Unicredit und Cobank kommen schlechter weg.

Die Äußerungen der Fed unterstreichen auch, wie kompliziert der Umbau des Frankfurter Geldhauses für Cryan wird. Zuletzt hatten die Bankenaufseher in den Vereinigten Staaten und Deutschland dem Bankinstitut wegen schwacher IT-Systeme und mangelnder Geldwäscheprävention Bußgelder aufgebrummt. Cryan selbst hatte nach seinem Amtsantritt die „lausige IT“ des Instituts angeprangert und Verbesserungen zugesichert. Der Erfolg lässt bisher auf sich warten.

Das macht auch eine weitere Kennzahl der Wertpapierbörse merklich. Das Kurs/Buchwert-Verhältnis ist auf 0,28 gefallen. Das heißt, die Kreditanstalt wird an der Wertpapierbörse nur noch mit 28 % ihrer in der Abrechnung aufgeführten Werte bepreist. Global gesehen kommen just Unicredit und Commerzbank Beginn der Amtszeit weg. Das Kurs/Buchwert-Verhältnis ist stets auch ein Barometer für die Glaubwürdigkeit des Managements.

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